Oskar Kokoschka mit Kapellmeister Ernst Zulauf, Ernst Krenek und Intendant Paul Bekker bei der Uraufführung der Oper „Orpheus und Eurydike“ in Kassel, 27. November 1926, Foto: Max Nehrdich © Universität für angewandte Kunst Wien, Oskar Kokoschka-Zentrum

Ernst Kreneks und Oskar Kokoschkas „Orpheus und Eurydike“

Hintergrundwissen kompakt

Als Oskar Kokoschka und Ernst Krenek einander 1922 kennen lernten, war Kokoschka, der zu diesem Zeitpunkt eine Professur an der Kunstakademie Dresden inne hatte, nicht nur ein angesehener Maler, sondern hatte sich auch als expressionistischer Lyriker und Dramatiker einen Namen gemacht. Auch Krenek war trotz seines jungen Alters nicht mehr unbekannt. Er war zu dieser Zeit mit Anna Mahler liiert und lebte in Berlin, wo er in den Kreisen von Ferruccio Busoni, Hermann Scherchen und Eduard Erdmann verkehrte.

Eingefädelt wurde die Begegnung zwischen den beiden Künstlern von dem russischen Maler Walter Spies, dem Kokoschka seinen Wunsch nach einer Vertonung seines Dramas „Orpheus und Eurydike“ anvertraute. Kokoschka schwebte jedoch eine gänzlich andere Komposition vor, als Hindemiths Vertonung seines Dramas „Mörder, Hoffnung der Frauen“, mit der er nicht zufrieden war. Spies schlug Kokoschka den jungen Komponisten Krenek vor, den er bei Eduard Erdmann in Berlin kennen gelernt hatte. Kokoschka war – vielleicht aufgrund von Kreneks Verbundenheit mit dem Hause Mahler – begeistert. Krenek interessierte sich ebenfalls sofort für das Projekt, nicht nur weil er Kokoschka als Maler sehr schätzte, sondern auch aufgrund der Kreise, in denen er sich bewegte. Dass Hindemith bereits ein Theaterstück Kokoschkas vertont hatte stellte einen zusätzlichen Reiz dar.

Der Sinn des Stückes erschloss sich Krenek nur langsam. Eduard Erdmann machte nicht nur wertvolle Vorschläge für Kürzungen, sondern war auch bei der Deutung des Dramas sehr hilfreich, so dass Krenek zu einem umfassenden Textverständnis gelangte.

 

„Damals begann ich, den tiefen poetischen Sinn der Tragödie zu verstehen, für den ich bis dahin nur ein vages Gefühl gehabt hatte. ... Hauptthema des Stücks war die Problematik von Treue und Erinnerung, und die tragische Geschichte von Orpheus und Eurydike war wunderschön mit der herrlichen Sage von Amor und Psyche verwoben.“

Ernst Krenek

 

Krenek begann im Frühjahr 1923 mit der Komposition, die er noch im selben Jahr fertigstellte. Die Uraufführung erfolgte am 27. November 1926 am Staatstheater Kassel. Krenek selbst hielt im Vorfeld einen umfassenden Vortrag über „Orpheus und Eurydike“, das er „zu den bedeutendsten Werken, die ich je komponiert habe“ zählte. Die Inszenierung stammte vom damaligen Intendanten Paul Bekker, der als Kritiker und Musikschriftsteller bereits einen hohen Bekanntheitsgrad hatte. Die Aufführung wurde ein großer Erfolg. Trotz der ausführlichen und positiven Berichterstattung folgten jedoch keine weiteren Bühnenaufführungen. Das Werk gehört bis heute zu den vergessenen Opern der Musikgeschichte.

Bei der Sommerausstellung in Pöchlarn, die auch Kokoschkas Beziehung zur Musik thematisiert, werden Auszüge aus der Oper „Orpheus und Eurydike“ zu hören sein. Der Klavierauszug des Werkes in einer Abschrift von Anna Mahler, Briefe und Kokoschkas Portrait-Zeichnung von Krenek sind ebenfalls ausgestellt.

Zum Weiterlesen empfehlen wir den 2005 erschienenen Band 1 der Ernst-Krenek-Studien "Ernst Krenek, Oskar Kokoschka und die Geschichte von Orpheus und Eurydike"

Mi, 29.05.2019, 09:57
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