Nicoletta Favari und Christopher Salvito im Gespräch

Artist in Residence

Die Künstler/innen Nicoletta Favari und Christopher Salvito waren im Jänner und Februar als Artists in Residence zu Gast in Krems. Im Zentrum ihres Aufenthalts stand die Arbeit am Buchla Modular Synthesizer sowie an Ernst Kreneks Schweighofer-Flügel aus dem Nachlass von Ernst Krenek im Ernst Krenek Forum.

Alethea Neubauer sprach mit ihnen über ihren Werdegang, die Arbeit mit der außergewöhnlichen Klangmaschine und über ihre neuen Projekte.

 

     

    Erzählt uns ein wenig über euren musikalischen Hintergrund.

    Christopher: Als Duo arbeiten wir seit 2015 zusammen. Wir haben uns bei einem Musikfestival kennengelernt und kommen beide aus der klassischen Musik. Nico ist Pianistin und ich bin Perkussionist. Von Beginn an haben wir uns auf zeitgenössische und experimentelle Musik konzentriert. Anfangs haben wir Kompositionen von verschiedenen Komponisten gespielt und später auch begonnen unsere eigenen Stücke zu komponieren.

    Nicoletta: Ich habe schon sehr früh mit dem Klavier angefangen und später in Italien und Schottland studiert. In Schottland habe ich auch meinen Master gemacht. Christopher hat viele verschiedene Instrumente gespielt und ist dann mit 17 Jahren bei der Perkussion geblieben. Er hat in den USA studiert.

     

    Seit 2015 gibt es euer Duo „Passepartout“. Worin liegt der Fokus eurer Arbeit?

    Christopher: Der Fokus ändert sich ständig, aber setzt sich immer mit der Art und Weise wie Menschen Musik hören und sich mit Musik verbinden auseinander. Das kann vieles bedeuten. Es kann elektronisch und experimentell sein. Es kann eine Installation sein oder ein visuelles Kunstwerk, das mit Musik verbunden ist. Es kann auch eine Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus einer anderen Disziplin sein. Das verbindende Element ist der Klang.

    Nicoletta: Der experimentelle und innovative Aspekt ist wesentlich für unsere Musik und auch, dass wir den Leuten Erfahrungen anbieten, wie sie durch Musik mit der Welt in Kontakt treten können.

    Christopher: Alles was wir machen ist eine eigene, komplette Welt für sich. Im Moment konzentrieren wir uns auf den Buchla Synthesizer, aber ein anderes Mal kann es auch etwas ganz anderes sein.

     

    Mir ist euer Projekt “Sound Envelopes“ aufgefallen. Macht ihr alles selbst, auch das Handwerkliche?

    Christopher: Wir versuchen alles selbst zu machen. Bei diesem Projekt versuchen wir aber mit lokalen Künstler*innen zusammenzuarbeiten, die die Drucke auf der Vorderseite der „Envelopes“ kreieren. Aber das Gerät kommt von uns.

    Nicoletta: Wir sind sehr viel unterwegs, daher ist es für uns wichtig, so unabhängig wie möglich zu sein.

     

    Wie seid ihr mit elektronischer Musik in Berührung gekommen?

    Christopher: So richtig setzen wir uns mit elektronischer Musik erst seit kurzem auseinander, obwohl es eigentlich schon von Anfang an ein wichtiger Teil unserer Arbeit war. Ich denke, dass wir es nur nicht als elektronische Musik wahrgenommen haben. Die elektronische Musik war einfach dabei.

    Nicoletta: Wir haben mit dem normalen Repertoire für Klavier und Perkussion begonnen, aber für diese spezielle Besetzung gibt es nicht so viel. Alles was wir gefunden haben, wollten wir spielen und meistens war da auch elektronische Musik dabei.

    Christopher: Außerdem ist eines der ersten großen klassischen Werke für diese Besetzung „Kontakte“ von Stockhausen. Wir haben es zwar nie gespielt, aber es hat die Weichen für diese Instrumentation gestellt und ich denke, dass viele Komponisten darauf zurückblicken, wenn sie eigene Werke komponieren.

    Nicoletta: Anfangs haben wir elektronische Musik nur in Form von Tonbändern verwendet. Dann ging es weiter mit Max-Patches und wir begannen auch mit Leuten zusammen zu arbeiten, die Arduino-basierte [Anmerkung: eine open-source Physical-Computing-Plattform] Dinge gebaut haben.

    Christopher: Vor einem Jahr haben wir begonnen, auch unsere eigenen Instrumente zu bauen. Anfangs waren das akustische und elektroakustische Instrumente mit einfacher Verstärkung. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits ein komplettes Set an Musik für diese Instrumente entwickelt und sie mit dem Laptop kombiniert. Der Laptop spielte eine große Rolle bei den Stücken. Das brachte uns auf den Gedanken, dass wir elektronische Instrumente brauchen würden, wenn wir mehr Kontrolle über diesen Aspekt unserer Arbeit haben wollten. Seither haben wir uns eingehender mit elektronischer Musik beschäftigt und auch damit, wie sie funktioniert. Wir setzen uns damit ernster auseinander. 

     

    Was fasziniert euch an der Arbeit mit Synthesizern und elektronischer Musik?

    Nicoletta: Es ist eine unendlich scheinende Welt. Im Moment interessieren wir uns speziell für analoge Synthesizer. Wir denken, dass sie einen ganz besonderen Wert haben, denn jeder Synthesizer hat so eine einzigartige Stimme und Charakter. Es ist faszinierend, aber vielleicht gleichzeitig auch manchmal frustrierend für Zuhörer*innen, einen Klang zu hören, ohne zu wissen, woher er kommt. Der performative Aspekt der Elektronik ist für uns essentiell, aber auch der akustische Teil ist für uns wichtig geblieben. Wenn wir mit dem Synthesizer arbeiten, bin ich vielleicht am Keyboard und am Synthesizer und Chris ist am Schlagwerk, oder Chris ist am Synthesizer und ich am Klavier.

    Christopher: Es ist auch faszinierend, dass es sehr elementar ist, so als würde man zur grundlegendsten Essenz gehen. Was ich an Perkussion immer noch attraktiv finde, ist, wie einfach und intuitiv sie ist. Jeder versteht, was ich als Perkussionist mache. Man schlägt etwas und bekommt einen Klang. Es ist so einfach, wie es nur sein kann. Ich denke, wenn man beginnt sich mit elektronischer Musik auseinanderzusetzen, scheint sie manchmal geheimnisvoll und schwierig zu sein, besonders für die Zuhörer*innen. Wenn man analoge Instrumente baut und ihnen eine ältere und elementarere Form der Klangerzeugung zugrunde liegt, dann kommt man zu einer einfacheren, zugänglicheren Basis. Diese Perspektive hat unser Denken über Musik und Klang wirklich verändert. Denn selbst, wenn wir dachten, dass wir verstehen, was auf dem Laptop passiert, hat sich unser Verständnis weiterentwickelt.

    Nicoletta: Und, wir können diese Instrumente kontrollieren und direkter auf sie einwirken. Man entwickelt eine ganz andere Verbindung als zu einem Laptop.

    Christopher: Über Synthesizer als Instrumente für Interpreten und nicht für das Studio nachzudenken, ist wirklich ein interessantes Thema - und Don Buchla hat viel darüber nachgedacht.

     

    Was mögt ihr an der Arbeit mit dem Buchla Synthesizer?

    Christopher: Es ist großartig.

    Nicoletta: Das ist unsere erste Begegnung mit Buchla Synthesizern. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie ein Instrument zu einer Schnittstelle mit der Welt wird. Zugleich stellt sich die Frage: Formt diese musikalische Schnittstelle unser Denken und die Art und Weise Musik zu machen oder erzeugt man die musikalische Schnittstelle selbst. Diese Wechselwirkung finde ich sehr interessant. Es ist erstaunlich, dass eine Person vor etwa 55 Jahren dieses Instrument gebaut hat, welches die Musik von so vielen Menschen über so viele Jahre hinweg geprägt hat.

    Christopher: Manche Teile des Buchla Synthesizers sind geläufig und scheinen fast identisch zu sein mit Synthesizern heute. Das ist erstaunlich, denn es zeigt wie innovativ das Instrument war. Dennoch hat es auch eigene Elemente, die es eindeutig als andere Art auszeichnen.

     

    Und wo liegen wesentliche Unterschiede?

    Christopher: Das Keyboard beim rechten Gehäuse zum Beispiel scheint wie ein Touch Controller, aber es funktioniert nicht so, wie man es von einem Keyboard erwarten würde. Es ist viel mehr wie ein Mischgerät mit Touch-Bedienung. Ich habe so etwas bisher noch nicht gesehen.

    Nicoletta: Wenn man sich die beiden Gehäuse ansieht und die verschiedenen Modultypen, wird deutlich, dass Krenek sie nach seinen eigenen Bedürfnissen ausgewählt hat. Er hatte etwas bestimmtes im Sinn. Es ist also eine ziemliche Herausforderung, zu versuchen, sein eigenes Ding zu machen, in Anbetracht des Daumenabdrucks, den Krenek und Buchla hinterlassen haben.

     

    War der erste Kontakt mit dem Buchla intuitiv? Hattet ihr zu Beginn Schwierigkeiten?

    Christopher: Ich fand es sehr intuitiv und in gewisser Weise sehr einfach. Es ist eine ältere Art von Synthesizern, und so gibt es nicht allzu viel, was man beachten und von Null an lernen muss. Ich glaube, ich hätte mehr Probleme gehabt, wenn er sehr neu wäre.

    Nicoletta: Wir hatten eigentlich keine besonderen Probleme, aber ich denke, das liegt auch daran, dass wir keinen Live-Auftritt planen. In diesem Fall wäre es schwieriger, den auch wenn Buchla sagt, dass es ein Instrument für Live-Performances ist, dieser spezielle Buchla…. Da bin ich mir nicht sicher… [lacht]

    Christopher: Wenn man ein 40-minütiges Konzert geben wollte und eine große Vielfalt an Musikmaterial bräuchte, ist es sehr schwer mit einem Patch, man ist beim Verändern sehr eingeschränkt. Für uns ist es einfacher, ein kürzeres Stück zu machen und dann noch ein weiteres kurzes Stück und man dazwischen Zeit zum neu Patchen hat.

     

    Nehmt ihr alles auf, und improvisiert ihr auch? Wie ist da euer Zugang?

    Nicoletta: Wir arbeiten an zwei verschiedenen Projekten, die auch unterschiedliche Zugänge haben.

    Christopher: Ein Projekt ist für Buchla und Klavier, das wir gerade fertiggestellt haben. Wir werden ein kleines Album herausbringen. Zuerst sind wir aus der Perspektive von Kreneks Werk „Tape and Double“ gekommen. Es war sehr interessant, es erstmals zu hören und jetzt ist es interessant, es noch einmal zu hören. Nachdem wir ein bisschen mit dem Buchla gearbeitet haben, können wir seinen einzigartigen Klang in der Aufnahme identifizieren. Uns ist aufgefallen, dass es ein Call-and-Response-Schema ist, das sich durch das ganze Stück zieht – die Elektronik macht etwas und das Klavier antwortet mit einer ähnlichen Textur. Ich habe mir gedacht, dass das vermutlich mit der damaligen Zeit und Technologie zu tun hat. Damals wäre es schwieriger gewesen, die Dinge komplett unisono ablaufen zu lassen. Aber heute ist es leicht, weil wir Software haben, die es sehr einfach macht mitzuspielen. Deshalb wollten wir etwas machen, bei dem das Klavier und der Buchla fast ausschließlich unisono mit unterschiedlichen Texturen spielen. Wir haben nach einigen Tagen ein Patch gefunden und daraus verschiedene Figuren und Ideen geformt.
    Ich würde es nicht wirklich Improvisation nennen. Zuerst nahmen wir nur den Buchla-Part allein auf, und als wir mit dem Klang zufrieden waren, transkribierten wir das, was wir den Synthesizer machen hörten. Nico hat dann diese Parts auf dem Klavier gespielt. Wir haben auch einige Arten von Präparationen und technische Erweiterungen verwendet, um das Klavier ein wenig elektronischer klingen zu lassen und es in die Welt des Buchla zu bringen.

    Nicoletta: Es war auch ein bisschen eine Herausforderung. Buchla sagte ja, dass er den Synthesizer entwickelt hat, weil ihm die Klaviertastatur zu limitierend war. Natürlich ist bis ins Jahr 2021 so viel Musik für das Klavier geschrieben worden, dass es recht schwierig ist, neue Ideen zu finden. Wenn man vom Synthesizer ausgeht und dann das Klavier von diesem Filter aus betrachtet, bekommt man doch neue Ideen.

    Christopher: Ja, das hat uns dazu gebracht, auf eine ganze andere Weise zu denken, weil wir die Formen und Entwicklung des Klaviers von diesem ganz anderen System diktiert bekommen haben. Es ist schwer, für den Buchla so zu schreiben, wie man für ein Klavier schreiben würde, also Noten zu notieren und dann zu versuchen, diese zu spielen.

     

    Wie notiert ihr die Buchla Klänge?

    Nicoletta: Anfangs haben wir diese durch eine Tonhöhenanalyse-Software geschickt. Der Computer sollte also die gehörten Noten und Rhythmen interpretieren und aufschreiben, aber natürlich waren die Ergebnisse sehr unvorhersehbar. Es war komisch und wir fragten uns, wie die Software auf dieses oder jenes kommen konnte, aber es war ein inspirierender Anfangspunkt. Ein anderes Mal haben wir es selbst transkribiert, indem wir uns die Tonhöhen angehört haben. Für dieses Projekt haben wir versucht, es nur in die Sprache des Klaviers mit rhythmischen Gesten, Tonhöhen und Klangfarben zu transkribieren.
    Jetzt arbeiten wir an einem Notationsprojekt, das einen anderen Ansatz hat. Im Grunde genommen, sind wir von verschiedenen Patches auf dem Buchla ausgegangen, welche alle das Thema von natürlichen Klanglandschaften aufgreifen, zum Beispiel das Nachahmen von vogelähnlichen Klängen. Der nächste Schritt ist dann die Notation. Wir haben eine sehr visuelle Notation entwickelt, die von Beschaffenheit des Buchla ausgeht und der Tatsache, dass es drei verschiedene Signalarten gibt, für die wir jeweils unterschiedliche Farben verwenden. Es ist eine Notation, die von einer genauen Stelle ausgeht, aber wenig detailliert und so offen für Interpretation ist. Sie besteht aus Signal- und Patch-Informationen mit einem Basisdruck auf Papier und zusätzlichen Folien, die man darüberlegt, um ein Patch darzustellen. Wir hoffen, es an andere Musiker zu schicken und sie einzuladen, uns ihre Interpretation zu geben. Es wird interessant sein zu sehen, was für unterschiedliche Ergebnisse dabei herauskommen werden.

    Christopher: Die Notation ist ein bisschen wie ein Rätsel. Sie kann auf jedem System funktionieren, aber weil man bei diesem Buchla die Signale trennt, muss man bei den anderen Systemen etwas finden, das einen jeweils korrelierenden Input und Output hat. Jeder wird also sicherlich ein völlig anderes Ergebnis bekommen. Es ist spannend, weil Buchla eine Sprache für Leute kreiert hat, die in gewisser Weise ihre Art Musik zu machen steuert, und so ist die Frage: Ist Buchla ein Komponist in diesem Sinne? Ist die Notation der Patches auch eine Art des Komponierens? Man hat keine Ahnung, worauf die Leute kommen werden und man kann nur bedingt Einfluss haben, was sie machen werden. Ich finde es sehr interessant, darüber nachzudenken.

     

    Plant ihr mit dem zweiten Projekt auch eine CD oder ein Konzert?

    Nicoletta: Wir haben Videoaufnahmen von unseren ersten Patches mit den Klanglandschaften geplant. Wir hoffen, eine digitale Version der Partituren zu haben, und vielleicht auch eine gedruckte Version, die einfach schöner zu besitzen und spielen ist. Wir sind auch von der Idee angetan, eine Software zu entwickeln. Wird sind in die Welt der Synthesizer-Klänge durch eine freie Open-Source-Software eingestiegen. Für diesen Buchla-Typ gibt es keine Open-Source-Ressourcen, also haben wir überlegt, eine Website zu erstellen, auf der man basierend auf diesem Buchla virtuell spielen kann.

     

    Seid ihr das erste Mal in Österreich?

    Christopher: Nein, aber das erste Mal gemeinsam.

    Nicoletta: Österreich war sehr wichtig für mich. Ich bin das erste Mal richtig mit zeitgenössischer Musik in Berührung gekommen, als ich „Kontakte“ von Stockhausen in Verona in Italien gehört habe, aber mein nächster Kontakt war in Graz beim impuls Festival. Das war das erste Mal, als ich mit dieser zeitgenössischen Community zu tun hatte, was sehr überwältigend für mich war. Ich habe festgestellt, dass zeitgenössische Musik sehr lebendig ist und es lebende Komponisten gibt. Wir sind sehr glücklich in ein Land zurück zu kommen, wo die Musikszene so aktiv zu sein scheint. Chris war vor 4 Jahren beim Klangspuren Festival. Und nun ist es wirklich toll, länger hier sein zu können. Österreich ist ganz anders als Italien, obwohl es so nah ist. Alles, das Essen…

    Christopher: Und die zeitgenössische Musikszene ist wirklich offen.

    Nicoletta: Ja, auch hier in Krems. Die Szene ist sehr offen gegenüber Nord- und Osteuropa. Das wird in der Musik- und Kunstwelt in Italien völlig ignoriert. Natürlich ist die Pandemie gerade eine sehr spezielle Situation. Wir wissen nicht, wie Krems normalerweise ist.

    Christoper: Ja, wir können es uns nur vorstellen. Aber wir sind in Krems ein bisschen unterwegs gewesen und haben auch einen Ausflug mit dem Fahrrad nach Dürnstein gemacht. Das ist trotzdem sehr schön.

    Danke für das Interview!
     

    • Eine Dokumentation des Passepartout Duo über ihre Arbeit in Krems und Ankündigung ihres neuen Albums

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