Aus Lothar Knessls Führer durch Ernst Kreneks Bühnenwerke

Pallas Athene weint

Oper in einem Vorspiel und drei Akten, op. 144 (1952/53/55)

Text
Ernst Krenek


Verlag / Rechte
Universal Edition & Schott
LM / KA Schott 4323, UE 12435 / TB UE 12436


Dauer
130 Minuten


Uraufführung
17. Oktober 1955
Hamburgische Staatsoper

D Leopold Ludwig
R Günther Rennert
B Alfred Siercke


Aufführungen
Musikverein Wien (1988, konzertant, Wiener Festwochen), Musikverein Wien (1973, konzertant), Tonhalle Zürich (1960), Landestheater Linz (1957, ÖEA), Mannheimer Nationaltheater (1956)


Aufzeichnungen
2003, BMG LC 00316: Musik in Deutschland 1950–2000, Ausschnitte u.a. aus Pallas Athene weint, Mitschnitt Hamburgische Staatsoper. D Leopold Ludwig; Pallas Athene: Margarete Ast, Sokrates: James Pease, Alkibiades: Heinz Sauerbaum, Meletos: Helmut Melchert, Meton: Hermann Prey, Althaea:
Helga Pilarczyk, Agis: Arnold van Mill, Nauarchos: Karl Otto, Senator: Adolf Meyer-Bremen u.a.


Besetzung
Pallas Athene (MS), Sokrates (BBar), Alkibiades* (T), Meletos* (T), Meton* (Bar), Althaea, Priesterin von Eleusis (S), Nauarchos, Schiffskapitän (Bar), Ein athenischer Senator (T oder Bar), Agis, König von Sparta (B), Timaea, Königin (S), Lysander, General (T), Brasidas, Hauptmann (Bar), Ktesippos, sein Sohn (T), * Sokrates’ Freunde und Schüler
Chor (SATB) – 2.2.2.2 – 4.2.2.0 – Timp, Perc (3) – Hfe, Cel, Pft – Str


Themenkreise
Militarismus / Pazifismus
Diktatur / Demokratie
Karriere („Wendehälse“) / Ideologie


Entstehung     
Das repräsentative Auftragswerk zur Wiedereröffnung der Hamburgischen Staatsoper nach dem Zweiten Weltkrieg entstand zu einer Zeit, als Krenek sich definitiv gegen eine Rückkehr nach Europa entschieden hatte. Der Anlass animierte ihn, an frühere, ihm thematisch wichtige Werke anzuknüpfen: an seine Antike-Reflexion mit „Orpheus und Eurydike“, op. 21 und „Leben des Orest“, op. 60, sowie an sein gebündelt historisches Interesse mit „Karl V.“, op. 73. Außerdem bezog er sich kritisch auf die aktuell antikommunistischen und denunzierenden Untersuchungen des US-Senators Joseph R. McCarthy ab 1950.


Zeit und Ort der Handlung     
Athen und Sparta, während der Zeit des Peloponnesischen Krieges


Inhalt     
Athen hat den Krieg gegen Sparta verloren. Pallas Athene trauert, beklagt den Verlust der Freiheit ihrer Stadt und den Tod des Sokrates. – In Rückblenden schildert Sokrates dem Chor der Schatten die zur Katastrophe führenden, nun auf der Bühne sichtbar werdenden Ereignisse.
Sokrates hat drei Schüler: Alkibiades, Meletos und Meton. Skrupellos betreibt Alkibiades sein Ziel, den Feldzug gegen das spartanische Sizilien zu befehligen. Sein Rivale Meletos, dessen Ideal ein autoritäres Regime wäre, täuscht vor, für demokratische Freiheit einzustehen. Der Pazifist Meton hingegen kann nicht begreifen, dass man Krieg führt, aber zugleich den Frieden will. Um dem Militärdienst zu entkommen, verbirgt er sich. – Verleumdung, Diffamierung und Verrat sind die Triebkräfte des weiteren Geschehens.
Alkibiades wird bezichtigt, die eleusinischen Mysterien entweiht zu haben. Um ihn zu kompromittieren, veranlasst Meletos die Verstümmelung der heiligen Hermes-Statue. Meton hilft mit, naiv meinend, man könne so das Kriegsende beschleunigen. Die Täter bleiben unentdeckt, der Verdacht fällt auf Alkibiades. Aber die Intrige verfehlt ihren Zweck, denn ohne das Kommando des Alkibiades verweigert die Flotte den Dienst.
Alkibiades kämpft erfolgreich in Sizilien. Dennoch gelingt es Meletos, dessen Rückberufung nach Athen zu erzwingen. Zum Schein befolgt Alkibiades die Weisung, flüchtet jedoch in einem peloponnesischen Hafen vom Schiff, wechselt zum Feind und verrät dem tyrannisch despotischen Spartanerkönig Agis die Kriegspläne der Athener. Die Königin, spartanischer Lebensweise überdrüssig, flieht mit Alkibiades. Dieser, von Agis verfolgt, ist nun wieder bereit, für Athen das Kommando zu übernehmen.
– Zu spät. Unterwegs wird er von Spartanern getötet. – Diese haben Athen besetzt, Agis hält dort grausam Gericht. Meletos ist jetzt auf der Seite der Spartaner. Er überredet den König, Sokrates den Prozess zu machen, weil dieser die Maxime des Agis widerlegt hat, in der Welt könne sogar unter Furcht und Schrecken Ordnung herrschen.
Der Chor der Schatten erscheint wieder – Pallas Athene weint …


Musik    
Das Werk, in der „Gesamtwirkung großartig“, hat „viele Passagen von düsterer Pracht“ (John L. Stewart). Der einleitende und schließende „ungeheure Klagelaut“ (Claus-Henning Bachmann) der Athene ist insgesamt prägend. Ihm liegt als Materialbasis eine Zwölftonreihe zugrunde.
Krenek beherrscht diese Kompositionstechnik souverän. Das bedeutet, er stellt sie in den Dienst des musikalischen Ausdrucks und der Dramatik. Dies gelingt, indem er sie durch „Rotation“, durch Umgruppierungen einzelner Segmente, Umkehrungen und Spiegelungen gestisch und harmonisch verändert – wie das ähnlich Alban Berg praktiziert hatte – entsprechend der Situation. Die Musik gewinnt innerhalb der Rahmenhandlung sukzessiv an Dichte und Intensität. Der Orchestersatz hat ein die Protagonisten charakterisierendes Eigenleben. Die rezitativischen Passagen der an sich ergiebigen Vokalpartien erinnern peripher an Monteverdi.


Resümee   
Pallas Athene weint reüssiert sowohl in szenischer als auch in konzertanter Umsetzung. Die Oper ist ein Bekenntniswerk zu humaner Gesinnung und demokratischen Prinzipien.

 


Im Spiegel der Presse

Rezensionen zur konzertanten Aufführung im Musikverein Wien

Frankfurter Allgemeine Zeitung
13.6.1988, Gerhard Rohde  
Pinchas Steinbergs Interpretation mit dem ORF-Symphonieorchester und dem fulminant singenden ORF-Chor schien Adornos Wort von der Krenekschen Klang-Askese widerlegen zu wollen: in Klangfarben und vollmundiger Expressivität wirkte Kreneks Pallas-Athene-Musik hier geradezu süffig.

Kurier
8.6.1988, Walter Gürtelschmied
Dass die nach dem strengen Dodekaphonie-Prinzip gearbeitete Oper auch ohne Szene wirkt, spricht nicht bloß für das zeitlos berührende Thema, sondern vor allem für die Lebensfähigkeit dieser Musiksprache, ihre packende Konzentration und dramatische Kraft […]

Opernwelt 8/88, Harald Goertz
Die konzertante Aufführung des mächtigen Dreiakters belegt eindrucksvoll die Phantasie des Dramatikers: wirkungsvolle Kontraste, wie nuancierte Ton-Psychogramme, ein Werkstil, der den Hörer vom Mitvollzug des Gedachten (noch) nicht ausschließt.

Frankfurter Rundschau
19.10.1955, Peter Kleinau zur Uraufführung in Hamburg 1955
[…] Der Abend war eine der freudigsten Überraschungen im deutschen Musiktheater seit 1945: ein effektvoll dramatisches Werk, dessen Handlung indessen in einer gültigen Sinngebung aufgeht. Die Partitur liegt konsequent auf der Linie der Neuen Musik, ohne sklavisch einem „ismus“ zu folgen. Sie erscheint sublim und musikantisch in einem. […]

 

Weiterführende Literatur

Gösta Neuwirth, Die Abwesenheit der Götter. Über Ernst Kreneks Oper „Pallas Athene weint“, in: „Der zauberhafte, aber schwierige Beruf des Opernschreibens“. Das Musiktheater Ernst Kreneks, Claudia Maurer Zenck (Hg.), Ernst Krenek Studien Bd. 2, Petra Preinfalk für die Ernst-Krenek-Institut-Privatstiftung (Hg.), Edition Argus, Schliengen 2006, S. 201–206

Ernst Krenek, Warum Pallas Athene weint?, in: Ernst Krenek, Im Zweifelsfalle. Aufsätze zur Musik, Europaverlag, Wien 1984, S. 51–57

Wilhelm Zentner und Anton Würz (Hg.), Reclams Opern- und Operettenführer, Reclam Verlag, Stuttgart 1960

Claus-Henning Bachmann, Krenek – Uraufführung in Hamburg, in: Österreichische Musikzeitschrift, 10:11 (November 1955), S. 388f

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