Aus Lothar Knessls Führer durch Ernst Kreneks Bühnenwerke

Marlborough s’en va-t-en guerre

Begleitmusik zu Marcel Achards Komödie als Puppenspiel, op. 52 (1927)

Text
Marcel Achard (1899-1974), Einrichtung von Ernst Krenek

Verlag / Rechte
Ms., nicht verlegt

Uraufführung
11. Mai 1927
Staatliches Theater Kassel

R und Klavier: Ernst Krenek
B Paul Schönke
Puppen: Paul Hessler (Entwurf von Alfred Vocke)

Aufführungen
Linz, Symposium „Ernst Krenek – der Sprachmusiker“ (2007, Gastspiel der Universität Kassel), Steinau (1974), Bonn, Internationaler Puppenspielzyklus (1953), Nürnberg (1928), Gießen (1927)

Aufzeichnungen
keine

Besetzung
Klavier und Pauke bzw. Schlagzeug (laut Garret H. Bowles; in der erhaltenen Partitur-Abschrift ist kein Hinweis auf Perkussionsinstrumente enthalten)

Themenkreise
Kritik an der Verklärung des Heldentodes

Entstehung
In Paris hatte Krenek 1924 die Uraufführung des Stückes „Marlborough s’en va-t-en guerre“ von Marcel Achard erlebt. Während seiner Zeit als Assistent Paul Bekkers in Kassel programmierte er auch eine Vortragsreihe für die von ihm mitbegründete Gesellschaft der „Kunstfreunde“ und beschloss, zum Saisonabschluss 1927 ein Marionettenspiel nach diesem Stück zu inszenieren. Er überzeugte den Kasseler Puppenspieler Karl Magersuppe, gewann den renommierten Bildhauer Alfred Vocke für den Entwurf der Marionetten, arbeitete mit den Schauspielern am Text, den sie hinter der Bühne lesen sollten, beauftragte das Bühnenbild und schrieb die Musik.

Zeit und Ort der Handlung
Sehr im Hintergrund die quasi persiflierte Geschichte des 1. Duke of Marlborough (1650-1722).

Inhalt
Marlborough, ein „militärischer Ignorant, Phrasendrescher, Ehrgeizling und Schürzenjäger“, der der Zofe seiner Frau Sarah nachstellt, heuchelt Eifersucht auf den Pagen seiner Frau und lockt ihr damit eine Geldsumme heraus, mit deren Hilfe er als Oberbefehlshaber der britischen Armee gegen Frankreich zieht. In der Absicht, bei seinem Feldzug nur ungefährliche Aktionen zu leiten, lässt sich Marlborough von einer hübschen Bäuerin in einen tödlichen Hinterhalt locken. Um Sarah zu gefallen, erfindet der Page die Legende von dessen Heldentod, aus der sich das berühmte Volkslied entwickelt.

Musik
Die Musik basiert auf dem berühmten französischen Volkslied „Marlborough s’en va-t-en guerre“. Krenek bewunderte die „…von Esprit geladene satirische Burleske aus dem Boden eines ganz naiven, von zarter, weher Lyrik erfüllten Volksliedes“. - Die Aufführungsmaterialien ließ Krenek bei seinem Abschied aus Kassel bei Karl Magersuppe, um ihm diverse Gastauftritte in den folgenden Jahren zu ermöglichen. Sie wurden bei der Bombardierung Kassels nicht gänzlich vernichtet, sondern 2001 teilweise im Familienarchiv Magersuppe wiedergefunden. Erhalten ist eine Abschrift von Kreneks Partitur, die Textadaption des Komponisten und Materialien wie Figurinen, Marionetten und Bühnenbilder zu zwei weiteren Inszenierungen. Magersuppe nahm nach dem Krieg Briefkontakt zu Krenek auf und informierte ihn vom „Überleben“ des Werkes.
Geht man ins Detail, zeigt sich „… vor allem die hohe künstlerische Qualität der Musik: Wie Krenek etwa das französische Volkslied dem Wegweiser aus Schuberts Winterreise anverwandelt, um es später mit dem englischen Song For he is a jolly good fellow zu überhauchen, das verrät ihn einmal mehr als Großmeister des sublimen, der Dramaturgie dienstbaren Zitats.“
(Matthias Henke, ÖMZ 2/2002)

 

Im Spiegel der Presse

Kasseler Tagblatt
12.5.1927 zur Uraufführung
An die puppenspielmäßige Aufführung der Tragikkomödie denkt man als an eine genießerische literarische Stunde zurück. Es hatten sich unter Kreneks inszenatorischer Führung wirklich Berufene zu einträchtigem Tun zusammengefunden. … Krenek überzog das Ganze mit einer dünnen Schicht musikalischer Impressionen, die … die ironisierende Grundstimmung stützten. …Man geriet in eine vergnügliche Verfassung und klatschte sehr lebhaft.

Kasseler Post
2.7.1928
…das traurige Lied verliert in der Sphäre des Spiels Bedeutung und Schwere. Sogar der Tod wird leicht, ein improvisierter Scherz. Graziös ist das Spiel, wie eine duftige Oper der Rokokozeit, verspielt und zärtlich wie der Sommerwind.

 

Weiterführende Literatur

Matthias Henke, Die Legende vom toten Soldaten – Ernst Kreneks neu entdecktes „Malborough“-Marionettenspiel, in: Österreichische Musikzeitschrift 2/2002, S. 23-31

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